Überwachung

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Warum diese Vortragsreihe?

Als Orwell seinen Roman „1984“ schrieb war noch nicht abzusehen, dass seine Vision eines totalen Überwachungsstaates nicht nur Realität, sondern noch um ein Vielfaches übertroffen werden würde.
Unerklärlicher Weise meinten bei der Vorratsdatenspeicherung noch viele BürgerInnen, dass sie (von Onlinebanking bis privaten E-Mails) nichts zu verbergen hätten. Glücklicherweise entschied dann aber das Bundesverfassungsgericht, dass diese Schnüffelei grundgesetzwidrig ist. Doch damit ist das Thema Überwachungsstaat noch längst nicht vom Tisch.
Mit der Einrichtung der Datenbank Elena, in der sensible Arbeitnehmerdaten gespeichert werden, begannen langsam die Zweifel in der Bevölkerung zu wachsen, ob dies noch ihrer Sicherheit dient oder im Gegenteil ihren Interessen feindlich ist. Der biometrische Ausweis, der ganz undemokratisch auf Drängen der Wirtschaft entwickelt und am 1. November 2010 eingeführt wurde, stößt ebenfalls auf breite Ablehnung und das nicht nur, weil er viermal so teuer ist, wie der bisherige Ausweis.
Mit Zensus 2011 wartet bereits der nächste orwellsche Alptraum auf die EU-Bevölkerung. Ein Drittel der Einwohner soll dabei die Hosen runter lassen und Auskunft über private Daten und persönliche Gesinnung geben. In Deutschland wird sogar nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Wer sich weigert, der Stasi 2.0 uneingeschränkte Auskunft zu geben, muss mit einer Strafe von bis zu 5.000 € rechnen. Doch wer bricht hier eigentlich das Gesetz?
Es scheint, dass Datenschutz im so genannten Informationszeitalter nur noch ein reines Lippenbekenntnis ist, egal ob für den Staat oder private Datendealer wie Google und Facebook. Im Sinne von Staat und Wirtschaft entsteht gerade eine leicht kontrollierbare Bevölkerung, die jederzeit mit peinlichen Details erpressbar ist und sich nicht mehr frei bewegen, ja nicht einmal mehr frei denken kann. Daher haben wir die Linksjugend [solid] Thüringen uns entschlossen, über diese Thematik aufzuklären und gemeinsam mit allen Menschen, denen ihre Freiheit und Privatsphäre noch wichtig sind, dieser Entwicklung entgegenzutreten.

22. Oktober, 19.00Uhr, Vortrag: „Überwachung und Alltag“ mit Anne Roth

Ständig unter Beobachtung, jedes Wort muss gut überlegt sein. Wer unschuldig in das Raster von Ermittlern fällt, muss sein ganzes Leben umstellen.  All dies ist nicht reine Theorie. Für Anne Roth ist dies Alltag seit ihr Lebensgefährte Andrej Holm morgens um sieben in der gemeinsamen Wohnung als Terrorist festgenommen wurde. Mehr als zwei Jahren standen Familie und Freunde im Zentrum der Überwachung durch das BKA. Anne Roth ist Journalistin und Übersetzerin und seit 2007 vor allem bekannt als Partnerin von Andrej Holm ,gegen den mit haarsträubenden Argumenten und Mitteln wegen Terrorismus-Verdachts ermittel wurde. Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe „Überwachung und Repression“ der Linksjugend ['solid] Thüringen in Zusammenarbeit mit dem offenen Jugendbüro RedRoXX. Freitag 22. Oktober 2010, 19.00 Uhr, im RedRoXX, Pilse 29, 99084 Erfurt.

11. November, 19.00Uhr, Vortrag: „Technologie, Überwachung und Privatheit im historischen Wandel„ mit Ralf Bendrath

Der Vortrag zeichnet die historischen Entwicklungen von Technologie, Überwachung und Privatheit nach. Er spürt dabei auf, inwiefern Technik und Gesellschaft sich gegenseitig beeinflussen, und stellt den derzeit wieder heiss diskutierten Wandel der Privatsphäre in einen historischen Kontext. Ralf Bendrath ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Europa-Abgeordneten Jan Philipp Albrecht mit den Schwerpunkten Datenschutz und Internet, Autor bei netzpoliztik.org, aktiv u.a. im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und bei European Digital Rights.

2. Dezember, 19.00Uhr ,Vortrag: „Neusprech im Überwachungsstaat“ mit Martin Haase

Aus der Perspektive George Orwells' 1948 schien das Jahr 1984 in weiter Ferne um eine düstere Zukunftsvision vom überwachenden Staat zu zeichnen. Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Überwachung ist freundlich. Im Big Brother-Staat ist Neusprech eine Grundlage für das Aufrechterhalten der Zustände. Im Schnüffelstaat der Schilys und Schäubles erkennt Martin Haase Parallelen zur Orwell'schen Dystopie.
Martin Haase, auch bekannt als maha, war 2005 im Dezember tatsächlich beim ersten Treffen des Chaostreffs Bremen dabei :) Er ist Professor für romanische Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg. Haase engagiert sich für Open-Source- und Open-Content-Projekte. Er ist Mitarbeiter der Wikipedia und seit als „ERFA-Repräsentant“ im Vorstand des Chaos Computer Clubs.